Zweifel

Es steht schlecht um den Anarchismus. International ist er längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, das haben weder Seattle, noch Graeber oder Occupy geändert. Schlimmer noch, erscheinen sie doch eher als der auf Regression gerichtete Schatten des Anarchismus, der zu seinem Objekt im Widerspruch steht ohne es zu merken. Wie sonst könnten sich unter dem Begriff Anarchismus – der auf die Befreiung des Einzelnen zielt – reaktionäre Strömungen versammeln, als unter diesem Schatten, der Freiheit nur noch als Phrase kennt, dem das Individuum nichts ist? Aus dieser barbarischen Vielheit heraus, die durch die Unterbestimmtheit des Begriffs entsteht, bei der einfach jeder Unsinn unter Anarchismus verstanden wird, möchte Tsveyfl eine versöhnte Vielfalt entwickeln, in der die Differenz Ausdruck der gemeinsamen Idee ist. Eine Debatte um den Anarchismusbegriff ist notwendig und richtig, aber nur als Reflexion auf sich selbst, sein Verhältnis zum Individuum und der Welt; nicht um das Bedürfnis nach Bewegung und Praxis zu erfüllen. Solcherart Diskussion ist keine, legt sie doch bereits vorher fest, wo sie hinführen soll. Sie entfremdet sich zu Gunsten der Tat von ihrem Gegenstand und fällt hinter ihren eigenen Ursprung zurück. Die Frage kann nicht sein, was anarchistische Praxis heute ist, der Anspruch muss vielmehr sein, sich von der begrifflosen Diffusität zu emanzipieren. Es gilt einen trennscharfen Begriff zu entwickeln, mit dem eine Diskurspositionierung abseits von regressiven, die Totalität lediglich transformierenden Strömungen und Bewegungen, möglich ist. Als Fixpunkt am Horizont scheint dabei der Syndikalismus zu stehen, über den eine Besinnung auf ökonomische Faktoren, weg von der Befindlichkeitspolitik der A-Gruppen, geschaffen werden kann, die den Theorieverfall der >anarchistischen Bewegung< nur befördert hat.


„Daß der Ausdruck >Intellektuelle< durch die Nationalsozialisten in Verruf geriet, dünkt mir nur ein Grund mehr, ihn positiv aufzunehmen“.1


Tsveyfl erscheint im Syndikat-A Verlag.

Die jeweiligen Ausgaben haben einen thematischen Schwerpunkt, der nicht immer tagesaktuell in Debatten eingreifen muss, aber für den Gegenstand, Anarchismus, relevant ist. Für jeden Schwerpunkt gibt es einen Call for Papers, der online veröffentlicht wird.



1 Adorno, Theodor W.: Wozu noch Philosophie. In ders.: Eingriffe. Neun kritische Modelle. Frankfurt am Main, 1970; S. 32.